Von den Bau- und Funktionsmängeln der Mensa Wilhelmstraße konnten sich Interessierte bei einem Rundgang am Mittwochabend überzeugen. Nicht zu überzeugen war indes die Bürgerinitiative, die für den Erhalt der Mensa kämpft, dass ein Neubau billiger käme als die Sanierung.
Tübingen. Die Universität möchte im Zuge der neuen Campus-Planung bekanntlich die Mensa Wilhelmstraße durch einen Neubau im Winkel zwischen Sigwart-, Rümelin- und Nauklerstraße ersetzen. Von einem Abriss der bestehenden Mensa des Architekten Paul Baumgarten aus den 1960er Jahren wird nach Protesten aus der Bürgerschaft inzwischen nicht mehr gesprochen. Die Frage einer Nachnutzung des modernen Baudenkmals ist jedoch offen.
Am Mittwoch offerierte das Uni-Bauamt einen öffentlichen Rundgang, um Zweifler von den akuten Mängeln des Gebäudes zu überzeugen. Rund hundert Interessierte, darunter neben Mitgliedern der Bürgerinitiative gegen die Campus-Planung einige Uni-Mitarbeiter, Architekten, Gemeinderäte und Vertreter der Stadtverwaltung, stapften durch die Eingeweide der Mensa. Die Sanierungsbedürftigkeit war nicht nur zu sehen, sondern auch zu riechen: Ein Fettfilm liegt auf der niedrigen Decke der Mensaküche und greift anscheinend auch die Konstruktion an.
Im Keller stehen Lagerräume halb leer, während die Kühlräume zu klein sind: Tiefkühlkost hat die Konserven verdrängt. Über die einzige Rampe im Hof zwischen zwei Gebäudeflügeln gehen der Müll hinaus und die Lebensmittel hinein. „Ver- und Entsorgung sind räumlich nicht zu trennen“, benannte der stellvertretende Geschäftsführer des Studentenwerks, Karl Lutz, als nur eins von vielen Problemen, die zum laufenden Defizit des Betriebs beitragen.
Weitere: Anliefer-Lastwagen müssen rückwärts in den schmalen Hof rangieren. Das schmutzige Essensgeschirr wandert über eine Fließband-Spirale mit hohem Reinigungsbedarf eine Etage tiefer zur 17 Jahre alten Spülmaschine. Im niedrigen Spülraum herrschen Wasserdampf und sommers Temperaturen über 40 Grad.
Ausgelegt wurde die Mensa seinerzeit für 3000 Essen. Heute werden bis zu 4000 Essen zubereitet. An moderne Formen der individuellen Zusammenstellung der Speisen, wie sie gerade auf der Morgenstelle eingeführt wurden, ist aus Platzgründen an der Wilhelmstraße nicht zu denken.
Abgesehen von neuen Vorschriften für Hygiene und Brandschutz ist auch Barrierefreiheit nicht eingelöst: Behinderte müssen durch den Seiteneingang zu einem Aufzug, in den nur schmale Rollstühle passen. Nicht zuletzt Wärmeschutz und CO2-Verordnung: „Diese Mensa ist eine Energieschleuder“, sagte Uni-Bauamtsleiter Bernd Selbmann. Kein anderer Bau in Tübingen habe so große Glasscheiben. Ein „Passivhaus“ werde man da nie hinkriegen.
Die Zahlen der Baubehörde
Der Augenschein machte durchaus Eindruck – wenn dieser denn nötig gewesen wäre. In der Diskussion stellte sich nämlich heraus, dass die Bürgerinitiative von der dringlichen Erneuerung des Betriebsgebäudes und der Speisen-Ausgabe schon überzeugt ist. Sie zweifelt vor allem an den finanziellen Argumenten.
Nach der Kalkulation aus Selbmanns Baubehörde käme ein Neubau mit weniger Fläche und Volumen auf 19,4 Millionen Euro und würde in 25 Jahren 8,5 Millionen Euro Betriebskosten einsparen. Eine Sanierung der vorhandenen Mensa wurde zuletzt mit 17,4 Millionen Euro beziffert; dazu addierte Selbmann 4,4 Millionen für „energetische Sanierung“. Noch ein Kostenvorteil beim Neubau: Die alte Mensa könnte unterdessen weiterbetrieben werden, während bei einer Sanierung für längere Zeit eine alternative provisorische Essensversorgung aufgebaut werden müsste – „zwei Millionen sind dafür nicht zu viel gerechnet“.
Das Land werde ohnehin nur die Finanzmittel für die günstigere Variante zur Verfügung stellen. „Die Mensa als Mensa zu erhalten, macht wenig Sinn“, resümierte Selbmann. Ohne Betriebsgebäude wäre eine Sanierung des gläsernen Hauptbaus mit geschätzten zwölf Millionen Euro Kosten durchaus zu rechtfertigen.
Aber wofür? „Wir haben noch kein Nachnutzungskonzept“, gab Oberbürgermeister Boris Palmer zu, nachdem Ideen wie „Haus des Wissens“ oder „Bibliotheksnutzung“ im Raum standen. Palmer könnte sich die Mensa, früher ein beliebter Veranstaltungsort, auch als Stadthalle für Tübingen vorstellen. (Ein Anwohner protestierte sofort, wegen der Lärmbelästigung.) Uni-Kanzler Andreas Rothfuß trat dem Verdacht entgegen, man wolle das Gebäude zur Bauruine verrotten lassen. Bis zu einer Entscheidung habe man aber noch fünf Jahre Zeit.
Mit dieser Perspektive gab sich die Bürgerinitiative nicht zufrieden. Ihr Sprecher Volker Renner hielt Selbmann vor, seine Zahlen seien „nicht belastbar“. So vermisste er bei dem günstigen Neubau-Preis die Kosten einer notwendigen Pfahlgründung, die Erstausstattung der Mensa und eine vorgesehene Tiefgarage. Nach den Berechnungen der BI wäre eine Sanierung jedenfalls „deutlich günstiger“ als der Neubau. Renner verwies außerdem auf die Vorbild-Pflicht des Staats bei der Erhaltung von Kulturdenkmalen.
Ergebnis des Info-Abends: Bauamt und Bürgerinitiative wollen in kleiner Runde die Stichhaltigkeit der Zahlen noch einmal prüfen. „Entfällt die Voraussetzung, dass der Neubau wesentlich billiger ist, werde ich mich sofort auf die andere Seite schlagen“, verkündete Palmer. Zuvor hatte der Oberbürgermeister zu erkennen gegeben, dass ihm die Denkmalwürdigkeit des modernen Klassikers weit weniger einleuchtet als die eines Gebäudes in der Altstadt. Damit war er nicht allein. Auch ein Publikumsteilnehmer fand die Mensa mit all ihrer gläsernen Transparenz „abgrundtief hässlich“.
Quelle: Tagblatt Online vom 06.11.
http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/hochschule_artikel,-Ist-ein-Mensa-Neubau-billiger-als-die-Sanierung-der-Mensa-_arid,82847.html
